Teilnehmende eines Seminars (Foto: © unsplash.com/@sincerelymedia)

Weshalb in meinen Seminaren manchmal die falschen Leute sitzen

Würde ich einen solchen Titel lesen, mein erster Impuls wäre wahrscheinlich: “Liegt’s vielleicht an der Seminarbeschreibung? Oder der Agenda?”

Doch weit gefehlt. Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit der Frage, wer die Teilnehmenden meiner Seminare sind und weshalb sie zu mir kommen. Dann stellen wir uns der Frage, wer denn meiner Meinung nach die richtigen Teilnehmenden sind. Und wieso ich das denke.

Wer sind eigentlich meine Teilnehmenden?

Meine Seminare & Workshops – ob als offene Veranstaltung organisiert oder bei IHK & Co. buchbar – besuchen Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen. Das können Angestellte aus Agenturen, Unternehmen oder – je nach Thema – dem öffentlichen Bereich sein. Aber auch Freelancer und Solo-Selbstständige.

Wenn wir mal die Freelancer und Solo-Selbstständigen außen vor lassen, treffe ich in meinen Seminaren & Workshops sehr häufig auf Führungskräfte aus den Bereichen Marketing, Vertrieb (z.B. bei einer Sales Navigator Schulung), PR & Öffentlichkeitsarbeit, Content Production oder HR.

PC Schulungsraum

Klingt nach ganz normalen Teilnehmenden. Oder?

Ja, im Prinzip schon. Denn schließlich sind die genannten Personen auch die Menschen, an die sich meine Kursinhalte richten.

Und dennoch stoßen meine Teilnehmenden häufig auf Hürden. Nicht mal während des Seminars. Vielmehr danach.

Das Wiedersehen mit einem ehemaligen Teilnehmer

Erst vor gut einem halben Jahr traf ich auf dem Gang einer Bildungseinrichtung einen ehemaligen Teilnehmer. Er hatte etwa ein Jahr zuvor bei mir den einwöchigen Bildungsurlaub Social Media absolviert. Ein höchst motivierter leitender Angestellter eines städtischen Unternehmens.

Beauftragt, das Thema Social Media und die digitale Kommunikation im Unternehmen nach vorne zu bringen.

Selbst “Social Media addicted” war er auch der richtige Mann für diesen Job.

Doch was ich in unserem kurzen Plausch in der Frühstückspause von ihm erfuhr, war nicht so untypisch…

Er berichtete mir, wie es nach unserem Kurs für ihn weiterging. Nach der Kurswoche kam er also zurück in sein Büro und machte sich gleich an ein Konzept für sein Unternehmen. Ich erinnerte mich noch, schon Donnerstags im Strategie-Workshop sprühte er nur so über von Ideen.

Diese Ideen brachte er nun also – zurück im Büro – zu “Papier” und legte sie wenige Tage später der Geschäftsführung vor. Die sein Konzept weitestgehend ablehnte.

Was war das Problem?

Ressourcen!

Ja, richtig gelesen. Ressourcen. Der Geschäftsführung war sein Konzept schlichtweg zu teuer. Der Aufwand nicht gerechtfertigt. Er hätte doch jetzt ein einwöchiges Seminar belegt. Weshalb jetzt weiterer Personalbedarf und Budget notwendig seien, wäre ihnen schleierhaft.

Abermals rannte er vor eine Mauer.

Hoch motivierten Social Media Managern fehlt oft die Unterstützung der Geschäftsführung

Wie bei einer Rudermannschaft unterstützen sich Mitarbeitende in erfolgreichen Teams gegenseitig. Doch es braucht eben auch eine*n Steuermann*frau, der/die die Mannschaft beziehungsweise das Team anleitet und unterstützt.

Es genügt nicht, seinem motiviertesten Mitarbeiter ein Seminar zu zahlen und darauf zu hoffen, dass dann alles gut wird. Von ganz alleine.

Eine Social Media Strategie bedarf entsprechender Ressourcen. Zeitlich, personell, finanziell. Und der Unterstützung von oben.

“Der Fisch stinkt vom Kopf her.”

Ein bekannter Ausspruch, der auch in unserem Falle passt. Wie oft mir Teilnehmende erzählen, welchem Druck sie von der Geschäftsführung ausgesetzt seien, um Social Media erfolgreich umzusetzen. Die Chefetage gleichzeitig, ja im gleichen Atemzug aber sagt, dass sie selbst mit “dem ganzen Kram nichts zu tun” haben wolle.

Wenn ich als Chef selbst so überhaupt kein Interesse und Verständnis für digitale Medien habe… wie soll das Verständnis dann beim Team geweckt werden? Und wenn ich als Chef damit am liebsten nichts zu tun haben will… dann ist klar, dass das Thema in Meetings niemals unter die TOP 3 kommt… es dafür niemals ausreichend Budget geben wird.

Die Rolle der Geschäftsführung auf Social Media wird noch immer unterschätzt

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Start des kommerziellen Internets hat so ziemlich jedes große Unternehmen Social Media in die eigene Kommunikation integriert. Es wird fleißig mit Kundschaft und Mitarbeitenden kommuniziert. Immer kreativer werden Social Media Plattformen von Instagram über LinkedIn bis TikTok eingesetzt.

Doch dass die Geschäftsetage selbst aktiv ist, kommt noch immer viel zu selten vor. Die Rolle einer aktiven Präsenz von Geschäftsleitungen, Vorständen und CEOs wird nach gut einem Jahrzehnt noch immer unterschätzt. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel – von Elon Musk (Gründer & CEO, u.a. Tesla) über Frank Thelen (Gründer & CEO, Freigeist) bis Tina Müller (CEO, Douglas Gruppe).

Von diesen Ausnahmen mal abgesehen konzentrieren sich die Social Media Strategien der Unternehmen hauptsächlich auf deren Unternehmenskanäle. Die Spreu trennt sich bereits beim Einsatz sog. Brand Advocates. Der Prozentsatz der Unternehmen, die der stärksten Stimme im Unternehmen, nämlich der Leitung, entsprechende Aufmerksamkeit verleiht und sie in den Fokus einer Social Media Strategie rückt, ist unterirdisch niedrig.

Führende CEOs sind LinkedIn Influencer

Seit 2016 veröffentlicht das Business Netzwerk LinkedIn seine Liste der “Top Voices”. Damit werden Nutzer gewürdigt, die mit ihren zahlreichen Beiträgen und Artikeln zu wirklich wertvollen Diskussionen angestoßen haben.

LinkedIn nutzt für die Auswahl unterschiedliche quantitative sowie qualitative Kriterien. Unter anderem die Interaktion, Turnus der Beiträge und das Follower-Wachstum. Ergänzend werden die Beiträge von einem Redaktionsteam dann noch unter qualitativen Aspekten bewertet.

Heraus kommt dann z.B. eine Liste der “Top Voices 2020 Deutschland, Österreich und Schweiz” oder die Liste der “Top Influencer*innen 2020 Deutschand, Österreich und Schweiz”. Also CEOs und Geschäftsführer*innen, die sehr wohl etwas “von diesem Social Media Kram” wissen wollen und um die Relevanz ihrer Stimme wissen.

Mehr aktive CEOs auch durch Corona

Doch es gibt eine positive Entwicklung, die dank der Corona-Pandemie 2020 noch einmal einen deutlichen Schub bekommen hat.

Wie eine aktuelle Studie von FTI Consulting zeigt, sind mittlerweile 41% der 170 CEOs von Unternehmen in den Leitindizes DAX 30, CAC 40 und FTSE 100 auf mindestens einer Social Media Plattform aktiv.

69 dieser 170 CEOs posten auf ihren eigenen Social Media Kanälen. Und sind dabei sogar recht aktiv: im Schnitt veröffentlichten sie rund sechs Beiträge pro Monat.

Neben diesen nackten Zahlen zeigt die Studie “Erfolgreiche Strategien für ‘Social CEOs'” auch welche Inhalte bei der Zielgruppe gut ankommen.

FTI Consulting hat die CEOs dabei in fünf idealtypische Persönlichkeitstypen eingeteilt.

Spoiler: keine dieser Persönlichkeitstypen postet mehr als 20% selbstreferenzielle Inhalte.

Die “Generalisten” stellten mit fast einem Drittel die größte und auch aktivste Gruppe der CEOs dar. Sie nutzen Social Media Plattformen, um sich zu einem breiten Spektrum von Themen zu äußern – von Geschäftsstrategie über Unternehmenszweck und Krisen bis hin zum Privatleben.

Was heißt das jetzt für die Teilnehmenden meiner Seminare?

Erst einmal nicht, dass nicht auch weiterhin der Teilnehmerkreis meine Seminare & Workshops buchen darf, der es schon immer tat.

Und natürlich tut es nicht Not, dass jetzt die Geschäftsetagen in mehrtägigen Social Media Seminaren die “Schulbank drücken”.

Dennoch wünschte ich mir manches Mal, sie täten es dennoch. Gemeinsam mit Ihren Mitarbeitenden. Dann nämlich träfen diese bei Ihren Vorgesetzten auf mehr Verständnis. Dann nämlich wäre nicht nur den Seminar-Teilnehmenden, sondern auch den CEOs und Geschäftsführenden klar, was es braucht, um Social Media erfolgreich umzusetzen.

Aber ich habe einen ganz klaren Appell an Sie: Entledigen Sie sich nicht der Verantwortung, indem Sie Ihre hoch motivierten Mitarbeitenden in ein Seminar entsenden und dann glauben, damit wäre Ihre Schuldigkeit getan.

Wir haben 2021 und es ist schlimm genug, dass wir in Deutschland nach fast einem Jahr Corona-Pandemie noch immer keine besseren Ideen für mehr Digitalität in Büro, Schule & Co. haben als die, die rauf und runter diskutiert werden. (Sorry, ganz anderes Fass, das ich eigentlich gar nicht aufmachen wollte…)

Ich möchte weniger Teilnehmende, die mir berichten, mit wie wenig Ressourcen sie zurecht kommen müssen. Liebe CEOs und Geschäftsführer*innen, fangen Sie an, Ihrem motivierten Social Media Team nicht nur Schulungen, sondern darüber hinaus auch andere notwendige Ressourcen zu geben. Denn dann und nur dann können Ihre hoch motivierten Mitarbeitenden auch höchst effektive Social Media Strategien umsetzen.

Dafür bedarf es zeitlicher Ressourcen (es kann nicht sein, dass eine Vollzeitkraft das Thema Social Media “on top” umsetzen soll) genau so wie finanzieller Ressourcen. Da wird “in Instagram gemacht”, aber der Millionen-Konzern ist nicht bereit, entsprechendes Budget für die Content-Produktion frei zu geben.

Meine Oma hat immer gesagt: “Von Nichts kommt nichts”. Wie recht sie hatte…

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